Tackling Congenital Toxoplasmosis
Wissen, Management und Delegierung von Risiko und Verantwortlichkeiten im Kontext pränatalen Screenings nach 1950
Das Projekt untersucht die Geschichte von Wissen, Management und der Delegierung von Risiken und Verantwortlichkeiten im Kontext von pränatalem Screening auf Toxoplasmose. Konnatale Toxoplasmose kann zu schweren teratogenen Schädigungen führen und ist eine zwar seltene, aber weltweit auftretende Erkrankung, verursacht durch den einzelligen Parasiten Toxoplasma gondii. In Österreich wurde das Screening auf Toxoplasmose als Blutuntersuchung im Mutter-Kind-Pass (heute: Eltern-Kind-Pass) 1974 implementiert – also als Teil eines großangelegten Screening- und Vorsorgeprogrammes während der Schwangerschaft und der frühen Kindheit. Die sogenannte “Toxoplasmoseüberwachung” in der Schwangerschaft und ihre Vorgeschichte ist die zentrale Fallstudie des Projektes, Screening- und Diagnoseprogramme in Frankreich, der DDR und der BRD nach 1950 werden vergleichend analysiert.
Das österreichische Überwachungsprogramm basierte auf serologischen Blutuntersuchungen und hatte das Ziel, so viele Fälle von konnataler Toxoplasmose wie möglich zu verhindern – einerseits durch primäre Prävention (Hygienemaßnahmen), anderseits durch sekundäre Prävention (medikamentöse Behandlung bei akuten Infektionen). In diesem Zusammenhang wurde “Risiko” epistemisch und diskursiv konstruiert, abhängig davon, welches Denkkollektiv das nötige Wissen bereitstellte und welches Zielpublikum angesprochen werden sollte. Weiters war Risiko und damit auch Prävention und Fallmanagement über drei Szenarien stratifiziert: Primärinfektionen während der Schwangerschaft, mögliche Schädigungen des Embryo/Fötus im Falle einer solchen Primärinfektion und, drittens, teratogene Effekte oder Nebenwirkungen der Medikamente, die zur Behandlung eingesetzt wurden.
Das Projekt integriert dabei historische Perspektiven auf Risikoschwangerschaften, pränatales Screening, epistemische Risiken und reproduktive Gesundheit mit einem historisch-epistemologischen Ansatz um unterschiedliche Wissensformen, deren wahrgenommene Validität und Hierarchien ebenso zu untersuchen wie die dahinterliegenden politischen Epistemologien – immer im Vergleich regionaler Spezifika. Weiters nimmt es Aspekte von Übersetzung zwischen Gruppen von Akteur:innen, allfällige Vereinfachungen von Wissensbeständen und Phänomene der Verwantwortlichmachung (responsibilization) im Kontext geteilter medizinischer und verhaltensbezogener Entscheidungen in den analytischen Blick. All das wird unter dem Blickwinkel einer Politik des Wissens (politics of knowledge) adressiert, in Bezug auf Wissen/wissen, das im Fall der Toxoplasmose sowohl sehr dynamisch und partiell war als auch geprägt von Sphären der medizinischen Praxis und Forschung, die substanziell durch Pluralität und (manchmal nur vorübergehender) Interdisziplinarität charakterisiert waren.
Beiteiligte Forscher:innen: