Im Spannungsfeld
Im Spannungsfeld zwischen Détente und internationaler Solidarität
Im Spannungsfeld zwischen Détente und internationaler Solidarität. Die Bedeutung der oppositionellen polnischen Arbeiter:innenbewegung für die westeuropäischen Gewerkschaften, 1975–1989
Christoph Beitl
In Polen hat die Arbeiterschaft durch mustergültige, disziplinierte Aktionen etwas durchgesetzt, wofür wir, die ‚Gewerkschaftliche Einheit‘ seit langem eintreten. Hüben wie drüben nämlich unabhängige freie Gewerkschaften…“(1). Dieses Zitat stand paradigmatisch für eine intensive Wahrnehmung der unabhängigen polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność im Westen. Die symbolträchtige Kritik an etablierten Gewerkschaften verknüpfte die Hoffnungen in den kommunistischen Staaten mit jenen innerhalb der eigenen Staatsgrenzen und der westlichen Demokratien. Ähnliche Erwartungshaltungen können ebenso bei Gewerkschafter*innen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland konstatiert werden. In meinem Dissertationsprojekt werden die Kontakte von Gewerkschaftsverbänden in Großbritannien, Bundesrepublik Deutschland und Österreich mit der unabhängigen polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność und der Volksrepublik Polen im Zeitraum 1980 – 1989 untersucht und erstmalig verglichen.
Wenngleich die Ideen der Solidarność in einem politisch und ökonomisch anders gelagerten System artikuliert wurden, waren Arbeitnehmer*innen in Ost und West mit ähnlichen Problemstellungen konfrontiert. Transnationale und transregionale Transfers artikulierten sich nicht nur in theoretischen Schriften und Reflexionen. In Hamburger und Bremer Werften organisierten Werftarbeiter*innen einen Besetzungsstreik nach Vorbild und hissten am symbolträchtigen Eingangstor der Werften die Fahne der Solidarność. Die gewerkschaftliche Zusammenarbeit kann dabei als pars pro toto für den ideellen und konkreten Wissens- und Kulturaustausch zwischen den Blöcken betrachtet werden.
Eine zentrale Forschungsthese geht davon aus, dass die Ideen und Forderungen von Gewerkschaftsmitgliedern rezipiert, übersetzt und mit den lokalen Problemlagen der eigenen Betriebe und Gewerkschaften kontextualisiert und adaptiert wurde. Ziel dieses Vorhabens ist die Sichtbarmachung gewerkschaftlicher Verflechtungsgeschichten über die Blockgrenzen hinweg. Dabei werden Ko- Transformationen im Rahmen von Kultur- und Wissenstransfers zwischen Ost und West erforscht und Polen nicht als reiner Empfänger westlicher Zugänge betrachtet.
(1) Polen. Anregungen zum Nachdenken. In: Die Alternative. Monatszeitschrift der Gewerkschaftlichen Einheit, Nr. 10/Oktober 1980, S.7.
August 1980: Streiks und Solidaritätsbekundungen am Gelände der Lenin-Werft in Gdańsk.