Vienna Public History Lectures
Der öffentliche Umgang mit Geschichte hat selbst eine Geschichte und erzeugt selbst immer wieder Geschichten, die sich wirksam machen und deren Herkunft in aller Regel ebenso unerkannt wie unbedacht bleibt. Diese neue jährliche Vortragsreihe der Historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät, die sich bewusst an eine Öffentlichkeit wendet, die nicht nur streng akademisch ist, bemüht sich darum, Persönlichkeiten zur Sprache zu bringen, die durch ihre Schriften immer wieder bewiesen haben, wie alltäglich, wie bedeutsam und meist unsichtbar diese Geschichtsgeschichten in unser aller Leben bleiben.
Eingeladen werden Grenzgängerinnen und Grenzgänger zwischen Forschung und Poesie, Wissenschaft und Literatur, zwischen freiem Beruf und akademischem Amt. Einmal im Jahr, jeweils im Herbst, bitten wir zu uns, in den Festsaal der Universität.
Diese Vortragsreihe nimmt sich vor, die disziplinären Grenzen der historisch-kulturwissenschaftlichen Fächergruppe nach innen und außen zu überwinden. Sie ist eine Einladung ins gemeinsame öffentliche Gespräch und Nachdenken aller Interessierten.
Die Veranstaltungen dauern eine Vorlesungslänge, sie werden aufgezeichnet und bleiben abrufbar und die Vortragstexte werden im Nachgang ins Englische übersetzt und zweisprachig in eigener Reihe publiziert.
Robert Schneider (2026)
"Wann ist Mut klug?"
Mittwoch, 28. Oktober 2026, 18 Uhr
Großer Festsaal der Universität Wien
Im Anschluss ein Apéro für alle Teilnehmenden mit Gelegenheit des Gesprächs.
Grußwort: Peter Kruschwitz (Dekan, per 1.10.2026)
Thematische Einführung: Marko Demantowsky
Will Mut Klugheit? Ist die Frage kein Widerspruch in sich? Wer eine Gefahr sucht, beweist vielleicht Entschlossenheit. Beweist er auch Urteilskraft, Augenmaß? Ist Mut ohne Sinn Leichtsinn?
Gemeinhin beginnt Mut dort, wo ein Mensch die Risiken erkennt, aber dennoch seine Stimme erhebt und handelt, weil Schweigen, Wegsehen oder Rückzug die schlechteren Optionen wären. Eine Frage des Gewissens, der Selbstachtung. In den Spiegel blicken und sich in die Augen sehen können. Denn zur Frage nach dem Mut gesellt sich die Frage nach der Angst. Zwei geschwisterliche Begriffe, die einander beflügeln, aber auch lähmen können. Gibt es mutiges, ein kluges Handeln, ohne persönliche Nachteile gewärtigen zu müssen?
Ein dritter Aspekt kommt hinzu, nämlich ein Erkenntnisinteresse, das sich als Mut tarnt, in Wirklichkeit aber Eilfertigkeit ist, die persönlichen Vorteil und Anerkennung sucht. Haltung zeigen, um fortzukommen. Gesinnung als Karrieresprung.
Den Beginn der Lecture macht ein kursorischer Versuch der Definition von Mut, Angst und Gesinnung. Anhand einiger historischer und gegenwärtiger Beispiele soll anschließend der Frage nach dem „klugen Mut” nachgegangen werden. Eine Auswahl:
Dante Alighieris Weigerung, 5.000 Florin wegen angeblicher Bestechlichkeit zu bezahlen und stattdessen die Verbannung aus Florenz in Kauf zu nehmen. Der Fall des Jacopo Foscari, dessen Vater von 1423 bis 1457 Doge von Venedig war und seinen Sohn nicht vor Verurteilung und Verbannung retten wollte/konnte. Die Sitzungsperiode 1562/63 des Konzils von Trient, in welcher „Laszives und Unreines” aus der Kirchenmusik verbannt werden sollte. Der Brief des NASA-Ingenieurs John C. Houbolt („Somewhat as a voice in the wilderness, …”). Henry Kissingers umstrittene Rede zum Ukraine-Krieg beim Weltwirtschaftsforum in Davos am 23. Mai 2022. Der Schlagersänger Michael Wendler und seine Äußerungen zur Corona-Pandemie. Der Publizist, Autor und Blogger Sascha Lobo über den „deutschen Lumpen-Pazifismus”.
Aktuelle Literaturhinweise
- Rosa, Hartmut. Unverfügbarkeit. Salzburg/Wien: Residenz Verlag, 2018.
- Weber Édith. Le Concile de Trente (1545-1563) et la musique. De la Réforem à la Conter-Réforme. Paris: Honoré Champion, 1982.
William F. Causey. John Houbolt: The Unsung Hero of the Apollo Moon Landings. West Lafayette, Indiana: Purdue University Press, 2020.
Zur Person
Der österreichische Schriftsteller Robert Schneider erlangte mit seinem Roman „Schlafes Bruder” (1992) internationale Bekanntheit. In seinen Büchern befasst er sich immer wieder mit historischen oder fiktiven Außenseiter-Figuren. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den „Prix Médicis étranger” (1994). Seine jüngste Publikation ist das „Buch ohne Bedeutung”, erschienen 2022 im Waldstein Verlag Göttingen.
Radiosendung bei Deutschlandfunk Kultur
Videoaufzeichnung des Vortrags
Buchpublikation bei De Gruyter
Anne Weber (2025)
"Untot und unvergangen. Der Angriff der Virtual Reality auf die Vergangenheit"
Freitag, 31. Oktober 2025, 18 Uhr
Großer Festsaal der Universität Wien
Im Anschluss ein Apéro für alle Teilnehmenden mit Gelegenheit des Gesprächs.
Grußwort: Thomas Wallnig (Vizedekan)
Thematische Einführung: Marko Demantowsky
Unser Verhältnis zum Tod und zur Vergangenheit ist im Begriff, sich grundsätzlich zu ändern. Bislang lebten Tote in unserer Vorstellung und in unseren Träumen fort. Von berühmten Toten aus ferneren Zeiten konnten wir uns mithilfe von Geschichtsbüchern, historischen Romanen und Porträts ein inneres Bild machen. Die Vergangenheit war für uns zweierlei: einerseits eine fremde Welt, die uns letztlich unzugänglich blieb, über die wir aber, wenn wir uns bemühten, einiges in Erfahrung zu bringen vermochten. Andererseits konnte sie — wenngleich auch hier nur, wenn wir einiges Wissen mitbrachten — mithilfe unserer Vorstellungskraft heraufbeschworen und belebt werden.
Wie aber sehen wir die Vergangenheit heute, wie werden wir sie zukünftig betrachten?
In einer virtual reality unterhält sich eine Frau per Video-Call mit ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter; ein 2002 geborener junger Mann schlägt sich tapfer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Ein anderer unterhält sich mit Napoleon und fragt ihn, was er denn von den heutigen Politikern halte. Die Vergangenheit soll ebenso wie die Toten jederzeit abrufbar sein, sie sollen unserer Gegenwart einverleibt, sollen unser augmented present, unsere erweiterte Gegenwart, unsere allen Platz einnehmende "Jetztzeit" werden. Hinter diesen immer perfekter werdenden Trugbildern stecken nicht nur merkantile Interessen, sondern auch Bemühungen, den Tod und die Vergangenheit zu leugnen, ja, sie abzuschaffen. Wohnt diesen Bestrebungen nicht ein totalitärer Gedanke inne?
Die Vergangenheit, die sich in der Literatur widerspiegelt, ist eine imaginäre, die vor jedem inneren Auge andere Züge annimmt. Sie behält eine Unschärfe, die durch die anhand weniger Anhangspunkte sich öffnende Weite des Vorstellungsspielraums entsteht. Ereignisse der Geschichte per Immersion nachzuerleben, ist hingegen reine Illusion, eine unentrinnbare Einheitswirklichkeit, eine Unterhaltungszwangsjacke.
Aktuelle Literaturhinweise
- Neumann, Andreas, und Jörg von Bilavsky, Hrsg. Geschichte vor Ort und im virtuellen Raum: Einblicke in die Arbeit an der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. 1. Auflage 2022. ars digitalis. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, 2022.
- Boswell, Matthew, und Antony Rowland. Virtual Holocaust Memory. 1. Aufl. New York: Oxford University Press, 2023.
- Kuchler, Christian, und Kristopher Muckel, Hrsg. Virtual Reality: Zukunft der historischen Bildung? 1. Auflage. Historische Bildung und Public History 3. Göttingen: Wallstein Verlag, 2025.
Zur Person
Die Pariserin Anne Weber lebt literarisch in zwei Sprachen und Kulturen, dem Französischen und dem Deutschen. Ihre Werke lassen sich vielen Genres zuordnen: Übersetzungen, Romane, Reportage, Hörspiele, Epen, Essays. Sie ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden, so mit dem Europäischen Übersetzerpreis (2008), dem Deutschen Buchpreis (2020) oder dem Preis der Leipziger Buchmesse (2022), um nur einige zu nennen.
Zuletzt von ihr erschienen: Bannmeilen. Ein Roman in Streifzügen. Matthes & Seitz, Berlin 2024.
Ursula Krechel (2024)
"Schlüssel, Pass, Fluchtboot. Eine Handreichung zur Geschichte der Migration und Remigration"
Dienstag, 5. November 2024, 19 Uhr
Großer Festsaal der Universität Wien
Grußwort: Christina Lutter (Dekanin)
Thematische Einführung: Marko Demantowsky
Die politischen Notwendigkeiten zwingen förmlich dazu, neue Resonanzräume für die Auseinandersetzung mit Migration und Remigration zu öffnen. Wenn über politische Konsequenzen des Ankommens verhandelt wird, tritt die Dramatik von Flucht, Vertreibung, Exil und Asyl in den Hintergrund. Das Boot ist nicht „voll“, wie die Redensart es ausdrückt, sondern das Boot soll daran gehindert werden, den Anker zu lichten. Es soll – im übertragenden Sinn — aus seiner Historizität herausgelöst werden, mit weitreichenden Konsequenzen. Zur Zeit der großen Migration nach Amerika mahnte und ermutigte die Freiheitsstatue, Amerikaner zu werden. Daneben waltete die Einwanderungsbehörde von Ellis Island mit ihrem Schrecken.
Geschichte erzählen: Das ist eine Aufgabe, die sich Geschichtswissenschaft und Literatur teilen. Von dramatischer Bedrohung und Flucht erzählen auch die Zeugnisse der Erinnerungskultur. Kinder und Kindeskinder der Opfer forschen nach den traumatischen Umständen von Flucht, Vertreibung, Exil und den Folgen für ihre Familie. Macht das die Geschichtswissenschaft sprachlos? Was kann sie, ohne sich in der Mikrohistorie aus den Archiven zu verlieren? Von Flucht und Ankunft erzählen, heißt: sich in einen Kontext zu begeben, der in Splittern und Sprüngen die Gegenständlichkeit kollektiver und höchst subjektiver Erfahrung ordnet.
An der Nahtstelle zwischen Literatur und Geschichtswissenschaft überlappen sich Stoffe. Themen der Menschheitsgeschichte werden verhandelt im scharfen Licht der Gegenwart, die sich in jedem Augenblick verdunkeln kann. Denen, die sich auf den unwägbaren Weg gemacht haben, gebührt der Respekt der Sesshaften, die vergessen wollen, welchen Preis eine Gesellschaft zahlt, die ihre Zukunft nicht reflektiert. Idealismus, Konservatismus oder schlichtweg Heimweh: das sind die Beweggründe einer Remigration, die diesen Namen verdient. Der Vortrag untersucht Stationen, Widersprüche und Konsequenzen der Geschichte der Migration im 20. und 21. Jahrhundert.
Weiterführende Literatur
- Chartier, Roger 1994. „Zeit der Zweifel. Zum Verständnis gegenwärtiger Geschichtsschreibung“. In Geschichte schreiben in der Postmoderne: Beiträge zur aktuellen Diskussion, hg. von Christoph Conrad, 83–97. Stuttgart: Reclam.
- de Haas, Hein 2024. 22 populäre Mythen und was wirklich hinter ihnen steckt. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Kossert, Andreas 2020. Flucht. Eine Menschheitsgeschichte. München: Siedler.
Zur Person
Ursula Krechel schreibt Gedichte, Romane, Essays, Theaterstücke. Sie war Theaterdramaturgin und lehrte an der Universität der Künste Berlin, der Washington University in St. Louis, der Ben Gurion-Universität in Be‘er Scheva. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Zuletzt erschien der Essayband „Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen.“ Salzburg / Wien 2022.
Ursula Krechels neuer Roman erscheint demnächst: Sehr geehrte Frau Ministerin. Stuttgart: Klett-Cotta (angekündigt für Januar 2025).
Patrick Bahners (2023)
"Fakteneinsicht: Hilary Mantels spektakulärer Realismus"
Dienstag, 7. November 2023, 19 Uhr
Großer Festsaal der Universität Wien
Grußwort: Christina Lutter (Dekanin)
Thematische Einführung: Marko Demantowsky
Die drei Romane von Hilary Mantel (1952-2022) über Thomas Cromwell (ca. 1485-1540), „Wolf Hall“ (2009, deutsch „Wölfe“), „Bring Up the Bodies“ (2012, „Falken“) und „The Mirror & the Light“ (2020, „Spiegel und Licht“) haben einen unwahrscheinlichen Helden: einen Bürokraten, Karrieristen und Organisator von Justizmorden. Der erste Minister König Heinrichs VIII. lieferte seinem Herrn die juristischen Gründe und die gesetzlichen Mittel für die englische Variante der Reformation: Der Staat verleibte sich die Kirche ein, indem sich der protestantisch bekehrte König seiner katholisch gebliebenen Königin entledigte.
Mantels Leser lassen sich in diese Planungen verstricken: Die Autorin zieht uns ins Vertrauen, so dass wir fast zum Komplizen Cromwells werden. Wir blicken ihm über die Schulter, glauben ihn bald besser zu kennen als sein Büropersonal ihn kennt, weil wir sogar Einblick in die Operationen des ministeriellen Gehirns erhalten. Das Thema der Romantrilogie ist, mit einem Schlagwort des 19. Jahrhunderts, die Realpolitik, die Umstellung der Herrschaft auf Diesseitigkeit, Autonomie und Flexibilität. Unerhört neuartig wirkt die Form, die Hilary Mantel für diese nicht ganz neue Geschichte vom Anfang der modernen Welt im 16. Jahrhundert findet: eine Steigerung des Realismus, die den Verdacht aus der Welt schafft, der historische Roman sei bloß ein Gedankenkonstrukt seiner eigenen Zeit und unfähig, die Sinnlichkeit der Vergangenheit heraufzubeschwören.
Ausgerechnet die Tudor-Revolution in der Staatsverwaltung, Fachhistorikern als spröder Lehrbuchstoff geläufig, erweist sich als Füllhorn der Schauwertschöpfung. Dabei lässt Mantel ihrer Phantasie nicht etwa die Zügel schießen. Im Gegenteil hält sie sich wie Thomas Cromwell so weit als irgend möglich an das Gegebene, an die Tatsachen, wie sie die historische Wissenschaft ermittelt hat. Das Staatsgeheimnis wird zur öffentlichen Sache: Der Vortrag untersucht die Methode dieser verführerischen Kulturgeschichte des Politischen und fragt nach Hilary Mantels politischer Absicht.
Weiterführende Literatur
- Ranke, Leopold 1859 (2013): Englische Geschichte vornehmlich im sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert. Erster Band. Darin: Zweites Buch: Versuche einer abgesonderten Consolidation des Königreichs in weltlicher und geistlicher Beziehung, S. 119–286. Berlin: Duncker und Humblot.
- Elton, Geoffrey 1977: Thomas Cromwell Redivivus, in: Archiv für Reformationsgeschichte, Bd. 68, S. 192–208. Nachdruck: G. R. Elton, Studies in Tudor and Stuart Politics and Government, Bd. 3: Papers and Reviews 1973–1981, 1983 (online 2010), S. 373-390. Cambridge: Cambridge University Press.
- Duffy, Eamon 2020: A People’s Tragedy. Studies in Reformation. Darin: Writing the Reformation: Fiction and Faction, S. 196–227. London: Bloomsbury.
Zur Person
Patrick Bahners, geboren 1967, trat nach dem Studium der Geschichte, Anglistik und Philosophie 1989 ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein, wo er seit 2016 verantwortlicher Redakteur für Geisteswissenschaften ist. Er war Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und Dahrendorf-Gastprofessor der Universität Konstanz. Neben politischen Sachbüchern (zuletzt: Die Wiederkehr. Die AfD und der neue deutsche Nationalismus, Stuttgart 2023) veröffentlichte er Aufsätze zur Geschichte der Historiographie von Tacitus bis Hans-Ulrich Wehler.
Valentin Groebner (2022)
"Futsch. Über Geschichte und Verschwinden"
Dienstag, 15. November 2022, 19 Uhr
Großer Festsaal der Universität Wien
Grußwort: Christina Lutter (Dekanin)
Thematische Einführung: Marko Demantowsky
Historische Gebäude, Kunstwerke und Sammlungen sind im 21. Jahrhundert nirgendwo mehr lästige Überreste von früher, wie in den Modernisierungsschüben des 19. Jahrhunderts oder noch in den 1950er und 1960er Jahren. Heute werden sie als sorgfältig gehütete und mit öffentlichen wie privaten Mitteln aufwändig in Schuss erhaltene Schätze aufgefasst. Sie sind gleichzeitig unersetzliche Materialisierungen kollektiver Selbstbilder, nationales Erbe und kostbare Ressourcen touristischer Vermarktung. Deshalb müssen sie um jeden Preis erhalten werden und, falls durch einen Unglücksfall beschädigt, um jeden Preis wiederhergestellt. Die Wellen medialer Erregung über den Brand von Notre Dame de Paris 2018, der Anna Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 oder des Theaters La Fenice in Venedig 1996 haben diese Mechanismen exemplarisch vorgeführt.
Zur üblichen Selbstbeschreibung des 21. Jahrhunderts als hochinnovativ und zukunftsorientiert steht diese Verlustsensibilität in einem erklärungsbedürftigen Verhältnis. Zur Geschichte ebenfalls – für die Bauherren der Renaissance und des Barock war der Abriss des Alten völlig selbstverständlich. Umgekehrt hat schon die industrielle Moderne des 19. Jahrhunderts zerstörte mittelalterliche Baudenkmäler rekonstruiert; oder durch Neues im alten Stil ersetzt.
Musealisierung ist die Standardprozedur des öffentlichen Umgangs mit historischen Hinterlassenschaften und gleichzeitig eine Wundertüte. Was verändert sich im Umgang mit historischer Zeit, wenn die Zeugnisse einer unwiderruflich verschwundenen Vergangenheit überall blitzblank herumstehen, authentisch und historisch, aber in bestem Zustand? Den Paradoxa einer auf unabsehbare Dauer gestellten Vergangenheit möchte ich in meinem Vortrag nachgehen. Wenn nichts mehr kaputt und verloren gehen darf, was geschieht dann mit den Dingen von früher, die in der Gegenwart ausgestellt werden? Welche Art von Geschichte zeigen Museen, und womit kontaminieren sie ihre Schätze – und ihre Besucherinnen und Besucher?
Weiterführende Literatur
- Groebner Valentin. 2018. Retroland. Geschichtstourismus Und Die Sehnsucht Nach Dem Authentischen. Frankfurt am Main: S. Fischer.
- Groebner Valentin. 2019. Wer Redet Von Der Reinheit? Eine Kleine Begriffsgeschichte. Wien: Passagen Verlag.
- Groebner Valentin. 2021. Bin Ich Das? : Eine Kurze Geschichte Der Selbstauskunft Originalausgabe ed. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Zur Person
Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern. Davor war er an verschiedenen akademischen Orten tätig, u.a. in Bielefeld, Florenz, Harvard und Paris. Neben seinen wissenschaftlichen Büchern hat er auch eine Reihe von Essays publiziert: Der kleine Grenzverkehr zwischen Geschichte und Gegenwart interessiert ihn dabei besonders.
Veranstaltende und Medienpartner
Historisch-kulturwissenschaftliche Fakultät und der Arbeitsbereich Public History
in Kooperation mit Literaturhaus Wien
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