Die Ausgabe 2026 des „Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes“ beschäftigt sich mit Grenzen in ländlichen Räumen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Das in Buchreihen und Studiengängen als Border Studies gefasste Feld geht auf die aktuellen Debatten von Grenzregimen zurück, nicht nur im Hinblick auf Migrationspolitik, auch im Hinblick auf Aufhebung und Erneuerung von Grenzkontrollen in der EU, außerdem stehen wirtschaftspolitische Fragen wie die Erhebung von Zöllen, Ein- und Ausfuhrregulationen etc. im Fokus. Ziel der Border Studies ist es, die Komplexität von Grenzkonstruktionen zu betonen, die Verquickung von Praktiken, Diskursen und Vorstellungen, von Materialität und Politik, von Austausch und Beschränkung. Allerdings konzentrieren sich die Überlegungen oft auf Staatsgrenzen und auf soziale, kulturelle und politische Konstellationen der Gegenwart. Die Historizität von Grenzräumen, Grenzpraktiken und Grenzvorstellungen spielt in den Border Studies ebenso eine geringere Rolle wie der ländliche Raum.
Der geplante Band will hier ansetzen und das Spezifische von Grenzräumen auf dem Land in ihrer Historizität in den Blick nehmen. Wie wandelten sich Grenzen in ihrer Materialität und in ihrem Bezug auf Räume, welche Vorstellungen, welche Nutzungen und welche Ziele veränderten sich wie? Zwei Aspekte aus den Border Studies sollen dabei berücksichtigt werden: Grenzziehungen (Staat, Region, Gemeinde, Kataster) und Grenzpraktiken (schmuggeln, reisen, kontrollieren, bauen, migrieren, ablaufen), also Grenzräume (Expansion und Einhegung) und Grenzdiskurse (Ein- und Ausschluss).
Aus dieser Perspektive können eine Vielzahl von Grenzen, die durch Verwaltungsakte gezogen und gestützt werden, untersucht werden, beispielsweise Landes-, Bezirks- und Gemeindegrenzen; Besitzgrenzen, wie sie durch Kataster dokumentiert und durch Grenzsteine markiert werden; durch Flächenwidmung gezogene Trennungen zwischen Nutzungsformen; die Eisenbahntrasse oder Bundesstraße, die einen Ort teilt oder Stadt von Umland trennt. Die Grenze zwischen Natur und Kultur kann sowohl der Kurpark am Ortsrand als auch die Tankstelle an der Ausfallsstraße anzeigen. Viele Grenzen sind zunächst nur auf Papier vorhanden, werden aber mit der Zeit baulich sichtbar, so dass sich mit Hallen füllende Gewerbegebiet; andere bleiben dauerhaft nur an Alltagspraktiken erkennbar, so der Schul- oder Kindergartensprengel, der sich in den Bewegungsmustern von Eltern und Kindern zeigt. Manche Praktiken gewinnen ihren Sinn nur durch das Verhältnis zur Grenze wie die Verzollung oder der Schmuggel.
Der Band soll für eine große Bandbreite von Zugängen offenstehen, die sich in historischer Perspektive Grenzziehungen und Grenzpraktiken widmen, die urbane und/oder ländliche Räume konstituier(t)en, landschaftliche, ländliche und städtische Räume gestalte(te)n.
Wir bitten um Zusendung von Beitragsvorschlägen (Abstracts von ca. ½ Seite) bis 30.4.2025 an: