Vienna Public History Lectures

#ViennaPHL

 

Veranstaltende: Historisch-kulturwissenschaftliche Fakultät und der Arbeitsbereich Public History

 

Der öffentliche Umgang mit Geschichte hat selbst eine Geschichte und erzeugt selbst immer wieder Geschichten, die sich wirksam machen und deren Herkunft in aller Regel ebenso unerkannt wie unbedacht bleibt. Diese neue jährliche Vortragsreihe der Historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät, die sich bewusst an eine Öffentlichkeit wendet, die nicht nur streng akademisch ist, bemüht sich darum, Persönlichkeiten zur Sprache zu bringen, die durch ihre Schriften immer wieder bewiesen haben, wie alltäglich, wie bedeutsam und meist unsichtbar diese Geschichtsgeschichten in unser aller Leben bleiben.

Eingeladen werden Grenzgängerinnen und Grenzgänger zwischen Forschung und Poesie, Wissenschaft und Literatur, zwischen freiem Beruf und akademischem Amt. Einmal im Jahr, jeweils im Herbst, bitten wir zu uns, in den Festsaal der Universität.

Diese Vortragsreihe nimmt sich vor, die disziplinären Grenzen der historisch-kulturwissenschaftlichen Fächergruppe nach innen und außen zu überwinden. Sie ist eine Einladung ins gemeinsame öffentliche Gespräch und Nachdenken aller Interessierten.

Die Veranstaltungen dauern eine Vorlesungslänge, sie werden aufgezeichnet und bleiben abrufbar und die Vortragstexte werden im Nachgang ins Englische übersetzt und zweisprachig in eigener Reihe publiziert.


Vienna Public History Lecture I (2022)

Valentin Groebner

 

15. November 2022, 19 Uhr, im Großen Festsaal der Universität Wien

Grusswort: Christina Lutter (Dekanin)

Einführung: Marko Demantowsky

Historische Gebäude, Kunstwerke und Sammlungen sind im 21. Jahrhundert nirgendwo mehr lästige Überreste von früher, wie in den Modernisierungsschüben des 19. Jahrhunderts oder noch in den 1950er und 1960er Jahren. Heute werden sie als sorgfältig gehütete und mit öffentlichen wie privaten Mitteln aufwändig in Schuss erhaltene Schätze aufgefasst. Sie sind gleichzeitig unersetzliche Materialisierungen kollektiver Selbstbilder, nationales Erbe und kostbare Ressourcen touristischer Vermarktung. Deshalb müssen sie um jeden Preis erhalten werden und, falls durch einen Unglücksfall beschädigt, um jeden Preis wiederhergestellt. Die Wellen medialer Erregung über den Brand von Notre Dame de Paris 2018, der Anna Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 oder des Theaters La Fenice in Venedig 1996 haben diese Mechanismen exemplarisch vorgeführt.
 
Zur üblichen Selbstbeschreibung des 21. Jahrhunderts als hochinnovativ und zukunftsorientiert steht diese Verlustsensibilität in einem erklärungsbedürftigen Verhältnis. Zur Geschichte ebenfalls – für die Bauherren der Renaissance und des Barock war der Abriss des Alten völlig selbstverständlich. Umgekehrt hat schon die industrielle Moderne des 19. Jahrhunderts zerstörte mittelalterliche Baudenkmäler rekonstruiert; oder durch Neues im alten Stil ersetzt.
 
Musealisierung ist die Standardprozedur des öffentlichen Umgangs mit historischen Hinterlassenschaften und gleichzeitig eine Wundertüte. Was verändert sich im Umgang mit historischer Zeit, wenn die Zeugnisse einer unwiderruflich verschwundenen Vergangenheit überall blitzblank herumstehen, authentisch und historisch, aber in bestem Zustand? Den Paradoxa einer auf unabsehbare Dauer gestellten Vergangenheit möchte ich in meinem Vortrag nachgehen. Wenn nichts mehr kaputt und verloren gehen darf, was geschieht dann mit den Dingen von früher, die in der Gegenwart ausgestellt werden? Welche Art von Geschichte zeigen Museen, und womit kontaminieren sie ihre Schätze – und ihre Besucherinnen und Besucher?

Weiterführende Literatur

  • Valentin Groebner: Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen. S. Fischer: Frankfurt/Main 2018
  • Wer redet von der Reinheit? Passagen: Wien 2019
  • Bin das ich? Eine kurze Geschichte der Selbstauskunft. S. Fischer: Frankfurt/Main 2012

 

Zur Person

Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern. Davor war er an verschiedenen akademischen Orten tätig, u.a. in Bielefeld, Florenz, Harvard und Paris. Neben seinen wissenschaftlichen Büchern hat er auch eine Reihe von Essays publiziert: Der kleine Grenzverkehr zwischen Geschichte und Gegenwart interessiert ihn dabei besonders.

 

 


Folgende Veranstaltungen

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